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Das »Ich« ist das Wunder des »Du«.
- Edmond Jabès -


Therapie, Liebe, Gedicht war doch alles gleich. Oder gab es da Unterschiede ?
Im Gelingen nicht, nur im Mißlingen.
Wenn es glückt, ist es dasselbe und kann anders nicht sein.
- Friedrich G. Paff -

 W i l l k o m m e n  ! 

 YAEL  ELYA
 zwei Silben
 vertauscht
 und miteinander in Bewegung
 im Spiel der Sinngebungen… 

Der  Blick in Zeitungen und Nachrichtenmagazine konfrontiert uns täglich auf drastische Weise damit, daß wir in Zeiten unabschließbarer Meinungsverschiedenheiten bezüglich Gerechtigkeit und moralischen Handelns leben. Versuche, eine finale Wahrheit durchzusetzen, den einen Wertekodex oder die eine richtige Liste von Handlungsweisen, führen zu gegenseitiger Bekämpfung. Thomas Cleveland schreibt in seinem Buch Natural History: “…diejenigen, die Kriege anfangen, scheinen für gewöhnlich an die Rechtschaffenheit des Kurses zu glauben, den sie gewählt haben. Es ist genau diese Fähigkeit, die menschliche Wesen zu einer so gefährlichen Spezies macht.“ 

Die Idee, sich von der Frage abzuwenden, wer letztendlich Recht oder Unrecht hat - und stattdessen den Blick auf Beziehungen zu richten und sich die Prozesse der sozialen Konstruktion von Bedeutung durch gemeinsames Handeln genauer anzusehen - diese Idee ist nicht neu. Sie greift jedoch tief und über Kontinente und Kulturen hinweg beschäftigen sich viele Menschen damit: in der Soziologie, Linguistik, Psychologie, Pädagogik, Sozialarbeit, Psychotherapie, Beratung, Sozial- und Friedensforschung, 
Organisations- und Gemeinwesenentwicklung.
Was diese Menschen verbindet, ist die Entwicklung neuer Arbeitsweisen und vielleicht brauchbarerer Formen des Verstehens und Handelns - gerade auch mit dem Ziel, tödliche Konflikte durch lebensbejahende Kommunikation zu ersetzen.

Der erkenntnistheoretische Ausgangspunkt der Idee der sozialen Konstruktion ist in folgendem Zitat des amerikanischen Philosophen Nelson Goodman gut gefaßt:


«Wenn ich dir eine Frage stelle über die Welt, dann sagst du mir,
deine Antwort hänge von der jeweiligen Perspektive ab, die du wählst.
Was aber, wenn ich auf eine Antwort drängte,
die jenseits aller Bezugsrahmen angesiedelt wäre…
Was kannst du mir dann antworten?»
- Nelson Goodman, Ways of Worldmaking -


Was können wir jenseits aller Traditionen und Alltagstheorien über die Welt und uns selbst sagen?
Folgen wir Goodman, dann heißt die Antwort: Nichts. Nichts können wir über uns selbst jenseits von Verstehenskonventionen sagen. Wir leben in Bedeutungs-Traditionen. Jenseits davon ist Schweigen.

Wenn wir innerhalb unserer gewohnten Bedeutungstraditionen und Sichtweisen bleiben und die uns vertrauten Unterscheidungen machen - zum Beispiel zwischen rational und irrsinnig, richtig und falsch, gesund und ungesund, problematisch und unproblematisch – dann bleibt das Leben für uns relativ vorhersehbar. Unsere Bedeutungstraditionen liefern uns einen bestimmten Blickwinkel auf die Welt und auf uns selbst und damit auch bestimmte Handlungswege und Problemlösungsversuche.

Doch alles könnte immer auch anders sein. Gerade weil wir immer dann, wenn wir definieren was «Wirklichkeit» ist, aus einer kulturellen Tradition heraus sprechen. Jegliche Aussage bezüglich der Natur der Welt, der Menschen und der Dinge ist lediglich ein Weg des Begreifens. Alldas, was wir für selbstverständlich ansehen, könnte auch angezweifelt werden.

Der Soziale Konstruktionismus kann als kontinuierlicher Dialog über den Ursprung dessen angesehen werden, was wir als Wissen über das Reale, das Rationale, das Wahre und das Gute ausmachen – und im Endeffekt über alles, was uns im Leben wichtig ist. «Wahrheit» und «Wirklichkeit» sind aus konstruktionistischer Sicht lokale und zeitlich begrenzte Übereinkünfte zwischen Personen. Sprechen, «Erkennen» und die Produktion von Wissen sind soziale Ereignisse, etwas, was Menschen miteinander tun. Nicht trennbar von den gesellschaftlichen, historischen und aktuellen Personen-Raum-Zeit-Zusammenhängen, in denen sie entstehen. Mit anderen Worten: Sprache bildet weder ab, noch ist sie neutral. Vielmehr schaffen wir durch Miteinander-Sprechen und gemeinsames Handeln Wirklichkeit.

Je nach Kontext, erhalten dieselben Worte eine andere Bedeutung. Nehmen wir einmal an, uns passiert etwas. Dieses Etwas können wir nur von einem bestimmten kulturellen Standpunkt aus beschreiben – in einer bestimmten Sprache oder durch andere Medien. Dasselbe Etwas würden wir möglicherweise in einem anderen Personen-Raum-Zeit-Zusammenhang ganz anders beschreiben. Die Worte, die wir benutzen, sind in Regelsysteme oder gemeinsam geteilte Konventionen eingebettet. In jeder (Sub)Kultur gibt es viele verschiedene «Sprachspiele» (Wittgenstein), also lokale Übereinkünfte bezüglich dessen, wie etwas beschrieben und erklärt wird. Sobald wir zum Beispiel anfangen, die Anzahl «depressiver Menschen» statistisch zu erfassen, haben wir bereits die Vorurteile einer bestimmten Subkultur akzeptiert.

Oft ist uns jedoch gar nicht bewusst, daß unser Denken, Fühlen und Handeln so sehr auf gelernten Traditionen beruht. Wir vergessen es. Doch mit jeder unserer Selbst- und Weltkonstruktion erhalten wir eine bestimmte Tradition aufrecht, die mit bestimmten Werten aufgeladen ist, während gleichzeitig alles, was nicht mit eingeschlossen ist, unbeachtet bleibt.

Als Sozialkonstruktionistinnen und Sozialkonstruktionisten schauen wir mit Nachdruck auf die Prozesse des Miteinander Sprechens und Handelns - auf unsere Formen des Dialogs. Fragen wie diese werden dann relevant: Wie wird etwas gesagt? Was wird gewichtet? Was bleibt unerwähnt?  In welchem Zusammenhang und mit welchem Ziel? Wer erhält keine Stimme, um ein Urteil abzugeben? Welche Tradition wird gar nicht mehr hinterfragt? Wem nutzt das? Wer wird dadurch bevorzugt? Wer wird an den Rand gedrängt? Was für Effekte hat das und für wen? Wollen wir diese oder jene Art der Selbst- und Weltkonstruktion für uns annehmen und die Zukunft, die wir damit herstellen?

Gerade auch dann, wenn wir an einem bestimmten Punkt nicht weiter kommen, kann es Sinn machen, sich die eigenen Denktraditionen zu vergegenwärtigen und sie gegebenenfalls zu erweitern. «Probleme und Sackgassen» existieren nicht unabhängig von unseren Verstehensweisen dort draußen für jeden sichtbar in der Welt. Im Sozialen Konstruktionismus wird der Blickpunkt besonders auf das Nachdenken über die Möglichkeiten – aber auch über die Grenzen der eigenen Denk-, Sprech- und Handlungsweisen gelegt. Letztendlich geht es darum, das Verstehen zu verstehen. Verstehenstraditionen legen uns keine Fesseln an. Sie sind keine Käfige ohne Ausgang. Wir sind ihnen meistens nicht ausgesetzt oder ausgeliefert. Im Gegenteil. Während wir miteinander in Dialog treten, dadurch, daß wir neue Stimmen zulassen, Fragen aufwerfen und alternative Beschreibungsweisen in Erwägung ziehen, schaffen wir neue Bedeutungswelten und Möglichkeitsräume.

Die Idee der Sozialen Konstruktion befreit uns von der Aufgabe zu versuchen, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Tradition, welcher Wertesatz, welche Religion, welche politische Ideologie oder Ethik ultimativ oder transzendental wahr oder richtig ist. Bezüglich solcher Versuche schreiben Kenneth J. Gergen und Mary Gergen treffend: "Wie in den meisten Wissensbehauptungen wird dann die Demut des Lokalen durch die Arroganz des Universellen ersetzt." Aus konstruktionistischer Perspektive mag alles gültig sein, doch nicht für alle Menschen, sondern: Für unterschiedliche Gruppen ist Unterschiedliches gültig.
Konstruktionistische Ideen laden zu radikalem Pluralismus, Wertschätzung der Vielstimmigkeit und kreativen De- und Rekonstruktionen ein. Damit ist zwar die Offenheit bezüglich vieler Wege des Benennens und Bewertens gemeint, jedoch kein moralischer Relativismus. Als Antwort auf den «anything-goes»-Vorwurf schreiben Kenneth J. Gergen und Mary Gergen, zwei Prominente im Dialog über Soziale Konstruktion:

«
Möchte irgendjemand von uns Brutalität gleichsetzen mit jeder anderen Art, Menschen zu behandeln? Konstruktionistinnen und Konstruktionisten sind ebenso Teilhabende an der Gesellschaft wie alle anderen Menschen auch und in diesem Zusammenhang beteiligen sie sich zutiefst an verschiedenen Visionen bezüglich des Guten. Der Konstruktionismus lädt uns nicht ein, alle moralischen Visionen zu verwerfen. Dies zu tun würde bedeuten, aus allen Traditionen hinauszutreten. Vielmehr lädt er uns ein, unsere lokalen Visionen zu würdigen und wachsam denjenigen gegenüber zu sein, die sie zerstören könnten. Moralische Ideologien als soziale Konstruktionen zu verstehen, genau dies befähigte in der Tat viele WissenschaftlerInnen, ihre Stimme zu erheben. Für Feministinnen, BürgerrechtlerInnen, AktivistInnen der Schwulen- und Lesbenrechtsbewegung, Gruppen ehemaliger PsychiatrieinsassInnen, Angehörige der Gehörlosenkultur und andere Minderheiten haben konstruktionistische Ideen zutiefst zu Selbstbemächtigung geführt. Sie laden zur Hinterfragung des Status Quo und zur Legitimierung von anderenfalls marginalisierten Standpunkten ein.»




«Keine Antwort – und sei sie auch noch so überzeugend –
wird jemals kraftvoll genug sein,
um für alle Zeit der Frage widerstehen zu können,
welche, früher oder später, das Wort an sie richten wird.
Eine Idee, die ihrer selbst so sicher ist,
daß sie sich um die andern schon gar nicht mehr kümmert,
ist, als Idee, tot, bevor sie noch geboren wird.
Nichts – auch nur vorläufig anzunehmen,
was nicht vorab schon ein wenig der systematischen Infragestellung widerstanden hätte,
das müßte heute, mehr als in der Vergangenheit, zum Prinzip erhoben werden.
Unsere beste politische Waffe ist und bleibt die Frage.»

- Edmond Jabès, 1989 - 





Post Scriptum

Sobald unser Denken auf den Begriff gekommen ist, hört es auf, es kommt zur Ruhe... (frei nach Fritz Mauthner)

«
Sobald wir sprechen schließen wir Türen.» (Robert Musil)

«Wir stellen der Natur keine Frage und sie antwortet uns nicht. Wir fragen uns selbst und organisieren Beobachtungen und Experimente so, daß wir Antworten erhalten.» (Michail Bachtin)

«Denken Sie nicht aus einem Grund, das ist gefährlich. Denken Sie aus vielen Gründen.» (Ingeborg Bachmann)



«In jedem von uns (...) gibt es ein Buch,
das uns in Vokabeln verwandelt (...).
Einem jeden Wort, einer jeden Vokabel
entspricht ein Herzschlag.»



Nach “Yaël” – “Elya”; nach dem
Wort, das auf das Buch aus ist,
das Buch, das sich dem Wort
verweigert.

- Edmond Jabès -



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  letzte Aktualisierung:
  27.08.2010, Karin Roth